Gretchen und der liebe Gott

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Foto: J. Müller / nachgedachtblog

Ich bin eine Leseratte wie sie im Buche steht und dabei lese ich fast alles, was mir so in die Quere läuft – unter anderem gerne auch Klassiker. Ein Werk, das mich dabei immer wieder fasziniert, ist Faust I von Johann Wolfgang von Goethe. Faust ist ein Wissenschaftler, der mit Mephisto (dem Teufel) einen Pakt schließt: Mephisto würde solange Faust lebe ihm immer zu Diensten sein. Wenn Mephisto es dabei wirklich schaffen würde, ihn in allem glücklich zu machen, dann würde Faust ihm seine Seele übergeben.

Im Lauf des Werkes trifft Faust auf Margarete (auch Gretchen genannt), ein junges Mädchen aus armen Verhältnissen. Mit Hilfe von Mephisto will er sie verführen. Nach ihrem ersten gemeinsamen Kuss stellt Gretchen Faust eine Frage, die als die berühmte Gretchen-Frage in die Geschichte der Weltliteratur eingehen wird: „Wie hast Du’s mit der Religion?“

Gretchen selbst ist tiefgläubig. Sie glaubt, dass es Gott gibt. Für Faust hingegen existiert Gott nicht. Er ist der Überzeugung, er könne auch gut ohne ihn leben. Die Frage nach Gott beschäftigt die Menschen auch heute noch. Glaubt man dem Psychologen Maslow, dann trägt jeder Mensch die Sehnsucht nach einem höheren Wesen in sich – selbst der überzeugteste Atheist.

Dabei sind die Gottesvorstellungen sehr unterschiedlich – je nachdem auch wo und wie man aufgewachsen ist. Im christlichen Raum dürfte die Verbreitung der Bilder von Gott als altem Mann mit Bart auf einer Wolke sitzend sehr weit verbreitet sein. In manchen Naturreligionen ist jede einzelne Pflanze hingegen Gott. Manche sehen in ihm eine Person und haben vielleicht sogar eine sehr bildliche Vorstellung von ihm. Für manche ist er ein Mann, für andere eine Frau. Wieder andere sehen in ihm eher eine Art kosmischer Energie, die durch jeden Menschen strömt.

Und selbst wenn man dann in die heiligen Bücher schaut, dann findet man auch da widersprüchliche Bilder. Von einem scheinbar kriegerischen, zornigen Gott bis hin zu einem, der die Menschen so sehr liebt, dass er alles für sie hergibt, findet man alles. Das zeigt mir, dass Gott eben nicht so leicht in eine Schublade zu stecken ist. Wenn er in unser Denken passen würde, dann wäre er nicht mehr Gott. Dann wäre er ein Gott nach unserem Bilde. So ist er aber widersprüchlich und harmonisierend in einem. Er ist unberechenbar und zuverlässig. Er ist liebevoller Vater und beschützende Mutter in einem.

Aber wie können wir erleben und erfahren wie er wirklich ist? Für mich gibt da die Bibel ein paar gute Hinweise:

  1. Als Menschen sind wir, wenn wir dem biblischen Schöpfungsbericht glauben, nach dem Bild Gottes geschaffen worden. Durch den Sündenfall sind zwar einige Gesichtszüge Gottes nur noch verzerrt dargestellt, aber dennoch lässt sich Gott auch heute noch im Menschen wahrnehmen – bspw. in der Kreativität, in der Liebe zu einander u. v. m.
  2. In Römer 1,20 (Neues Leben) heißt es:
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    Foto: J. Mueller / nachgedachtblog

    „Seit Erschaffung der Welt haben die Menschen die Erde und den Himmel und alles gesehen, was Gott erschaffen hat, und können daran ihn, den unsichtbaren Gott, in seiner ewigen Macht und seinem göttlichen Wesen klar erkennen. Deshalb haben sie keine Entschuldigung dafür, von Gott nichts gewusst zu haben.“

    Die Natur spiegelt also das Wesen Gottes wieder – wer Gott kennen lernen will, kann ihn in der Natur entdecken.

  3. Die Aufgabe von Jesus war es auch, die Menschen mit Gott bekannt zu machen. Sie sollen ihn kennenlernen. Jesus sagte einmal zu seinen Jüngern:

    „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr erkannt habt, wer ich bin, dann habt ihr auch erkannt, wer mein Vater ist. Doch von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen!« Philippus sagte: »Herr, zeig uns den Vater, dann sind wir zufrieden.« Jesus erwiderte: »Philippus, weißt du denn nach all der Zeit, die ich bei euch war, noch immer nicht, wer ich bin? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen! Warum verlangst du noch, ihn zu sehen? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich euch sage, stammen ja nicht von mir, sondern der Vater, der in mir lebt, wirkt durch mich. Glaubt doch, dass ich im Vater bin und der Vater in mir ist. Oder glaubt wenigstens aufgrund von dem, was ich getan habe.“ Wer sich also mit Jesus beschäftigt, lernt dadurch auch automatisch Gott kennen. Durch seinen Charakter und seine Taten wird Gott zu 100% sichtbar für uns Menschen. Wer Gott also kennenlernen möchte, kommt an Jesus und seinem Leben nicht vorbei.

    Mich erinnert das an die Geschichte von Lewis Wallace. Er war kein gläubiger Mensch, aber eine intensive Diskussion mit einem überzeugten Atheisten brachte ihn dazu, sich ausgiebig mit Gott und Jesus auseinander zu setzen. Er wollte sogar ein Buch schreiben und darin beweisen, dass es Gott gar nicht geben könne. Bei seinen Recherchen dazu, stieß er immer wieder auf Jesus von Nazareth. Was er so über Jesus in der Bibel – besonders bei Matthäus – las, überzeugte ihn so sehr, dass er schließlich Christ wurde. Seiner Erfahrungen und Erkenntnisse verpackte er in einen der ersten historischen Romane: Ben Hur. Die Biographie von Lewis Wallace und zahlreichen anderen Christen zeigt, dass die Beschäftigung mit Jesus von Nazareth tatsächlich ein Leben und ganze Glaubensvorstellungen über den Haufen werfen kann.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, dass ich in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten intensiver über Gott nachdenken möchte. Dies möchte ich zum Beispiel hier in meiner neuen Blogreihe tun: „Gott erleben“. Unter dieser Überschrift möchte ich über Gottes Charaktereigenschaften  nachsinnen und die eine oder andere Erfahrung, die ich mit ihm gemacht, mit euch teilen. Vielleicht habt auch schon Gott erlebt? Dann erzählt mir doch in einem Kommentar, per Mail oder auf meiner Facebookseite davon. Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen mit Gott!

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Jugendliche zum Bleiben bewegen

 

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Foto: SCM R. Brockhaus / http://www.scm-brockhaus.de

Das Buch „Warum wir mündig glauben dürfen – Wege zu einem widerstandsfähigen Glaubensleben“, das von Tobias Faix, Martin Hofmann und Tobias Künkler herausgegeben wurde, ist die Antwort auf ihren ersten Band „Warum ich nicht mehr glaube – Wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren“, ebenfalls erschienen im SCM-Verlag in Witten. Während die Herausgeber noch im ersten Band der Frage nach den Gründen für die Entkehrung (Dekonversion) der jungen Erwachsenen nachgingen, wenden sie sich nun der Hilfestellung für Gemeinden, Eltern und Jugendmitarbeiter zu.

Dabei erhalten sie Unterstützung durch Andreas Malessa, Roger Mielke, Heinrich Christian Rust, Christina Brudereck und vielen mehr. Diese Vielfalt ist laut den Herausgebern gewollt: „Die Autorinnen und Autoren der einzelnen Texte wurden bewusst aus verschiedenen Konfessionen und beruflichen Hintergründen ausgesucht und sind alle Fachleute auf ihrem Gebiet. Sie nehmen uns mit hinein in ihr eigenes Denken und Erleben. Das drückt sich aus in ihrem je eigenen Stil und in den persönlichen Anklängen in ihren Beiträgen.“ (S. 13)

Das Buch selbst ist in vier größere Teile gegliedert: 1. Auf dem Weg mit Zweifeln und Andersdenkenden, 2. Auf dem Weg der Einheit und Vielfalt, 3. Auf dem Weg in Familien und Gemeinden, 4. Auf dem Weg zu einem mündigen Glauben. Jeder dieser vier Abschnitte beginnt mit einer kurzen Vorstellung der Autoren und einer Zusammenfassung jedes einzelnen Artikels. Dadurch erhält der Leser einen Überblick über die nächsten Inhalte. Abgerundet wird fast jeder Teil durch praktische Anwendungen – sei es durch Erfahrungsberichte oder Vorschläge zur Gestaltung von Gottesdiensten und der persönlichen Bibellese.

Wie schon im Zitat erwähnt, ist jeder Beitrag durch den Schreibstil des jeweiligen Autors geprägt. Überwiegend sind die Beiträge in einer sehr wissenschaftlichen Ausdrucksweise gehalten, die dem Laien das Lesen des Buches erschweren könnten. Auch wird von einzelnen Autoren ein Vorwissen in Bezug auf Entwicklungspsychologie und Glaubensentwicklungsstufen (Fowler) vorausgesetzt. Auf erklärende Fußnoten oder Anhänge wurde verzichtet. Da es aber neben diesen teilweise doch sehr herausfordernden Artikeln leichter verständliche Beiträge gibt, wird sicherlich auch für Laien einiges an interessanten, verständlichen und hilfreichen Inhalten zu finden sein.

Durch den eben schon erwähnten wissenschaftlichen Schreibstil wirkt das Buch streckenweise sehr nüchtern und stellt nicht immer einen Bezug zur im Vorwort beschriebenen Erlebniswelt der Autoren her. Und doch gibt es Aussagen und Thesen, die zum Weiterdenken anregen und neue Fragen aufwerfen.

Als roter Faden zieht sich dabei immer wieder die Frage nach der Weite des Glaubens und des Gemeindelebens. Sind Gemeindeglieder beispielsweise bereit, Zweifel zuzulassen und ergebnisoffen mit den Jugendlichen darüber nachzudenken? Inwieweit ist die Gemeinde bereit, sich selbst kritisch zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen? Sehr faszinierend ist dabei der Ansatz der Thomasmesse, der im Buch vorgestellt wird. Dabei handelt es sich um einen besonderen Gottesdienst, der aus Finnland stammt und mittlerweile deutschlandweit regelmäßig – überwiegend in evangelischen Kirchen – veranstaltet wird. Es ist ein „Gottesdienst für Suchende, Zweifelnde und andere gute Christen“ (http://www.thomasmesse.org/).

Neben der Forderung nach Weite im Denken und Glauben, werden unter anderem Eltern erste Ratschläge mitgegeben wie sie ihre Kinder mit dem Glauben bekannt machen können – bspw. durch altersgerechte Andachten im Familienkreis oder das Erzählen und Erleben von Gottes Wirken im eigenen Alltag. Allerdings liefert das Buch insgesamt weniger praktische Hinweise als erhofft, sondern legt primär die theoretischen Grundlagen dar. Es ist daher zu hoffen, dass noch weitere Bücher erscheinen, die gerade in der praktischen Anwendung stärker noch in die Tiefe gehen.

Nichtsdestotrotz sind gerade auch die theoretischen Grundlagen wichtig, um zu verstehen wie sich Glaube, aber auch eine Abwendung davon entwickeln. Das Buch lotet daher die Frage nach der Dekonversion nicht bis ins letzte Detail aus, sondern möchte den Leser dazu einladen, den Umgang der eigenen Gemeinde mit Zweiflern und jungen „Rebellen“ zu überdenken. Es ist letzten Endes ein Plädoyer für einen mündigen, unabhängigen Glauben, der auch Zweifel aushält und sich nicht davon beirren lässt. Dies ist den Autoren überaus gelungen.

„Warum wir mündig glauben dürfen – Wege zu einem widerstandsfähigen Glaubensleben“ ist der gelungene Versuch einer Hilfestellung für Gemeinden, Pastoren, Leiter und Jugendmitarbeiter im Umgang mit jungen Menschen, die Zweifel äußern oder aus den Kirchen und Gemeinden austreten wollen bzw. aus ihnen ausgetreten sind. Das Buch will dazu beitragen, dass sich diese Austrittsrate verringert und junge Menschen wieder in die Kirche und Gemeinden zurückfinden. Dabei lädt es den Leser wiederholt ein, die eigene Gemeinde- und Glaubenspraxis zu überdenken. Erschienen ist das Buch 2015 im SCM-Verlag in Witten.

Sklaverei – damals und heute

Krebser Wasserfälle
Foto: J. Müller / nachgedachtblog

Neulich habe ich in meiner Bibel den Philemonbrief von Paulus gelesen. Philemon war ein guter Freund von Paulus. Als reicher Mann hatte er auch Sklaven – einer davon war Onesimus. Die Bibel sagt nicht warum, aber der Onesimus lief seinem Herrn davon und landete irgendwie bei Paulus in Rom, der dort im Gefängnis saß. Onesimus bekehrte sich in Rom und wurde Christ.

Paulus hätte Onesimus liebend gern behalten, das ging aber nicht, schließlich gehörte Onesimus ja nicht ihm, sondern Philemon. Also schickte er Onesimus zurück, nicht aber ohne ihm einen Brief für Philemon mitzugeben. Es ist sehr faszinierend zu lesen wie Paulus Philemon bittet, Onesimus gegenüber gnädig zu sein.

Ich weiß nicht, was in Philemon vorging als er diesen Brief las. Ich kann mir vorstellen, dass er anfangs wütend auf seinen Sklaven Onesimus war, aber ich hoffe, dass dieser Brief ihn berührt hatte. Rechtlich-moralisch gesehen war die Situation ja schon brisant. Rein rechtlich war Onesimus das Eigentum von Philemon. Und doch waren sie beide nach der Bekehrung von Onesimus Geschwister im Glauben. Beide waren nun Christen und damit im Glauben gleichgestellt. Das muss damals eine ganz besondere Situation gewesen sein.

Heute ist die Lage aber nicht weniger brisant. Klar, die Sklaverei ist heute offiziell abgeschafft und doch hält laut der Webseite www.slaveryfootprint.org jeder Bürger in den Industrieländern im Durchschnitt 40 Sklaven weltweit – allein durch seinen Konsum an elektronischen Artikeln wie Smartphones oder an Kleidung oder an Essen. Von der Sexindustrie ganz zu schweigen.

Als Christen sind wir dazu aufgefordert, Gutes für Andere zu tun. Wir sollen nicht egoistisch auf unseren eigenen Vorteil bedacht sein. Mir tut es heute weh, wenn ich bedenke, durch welches Leid andere Menschen gehen müssen, nur damit ich jährlich ein neues Smartphone bekomme, das ich eigentlich gar nicht brauche, weil man Altes noch völlig in Ordnung ist. Das ist es mir einfach nicht wert. Daher habe ich für mich beschlossen, mein bisheriges Smartphone so lange zu benutzen wie es noch funktioniert. Und ja, dann kann ich eben nicht vor meinen Freunden mit dem neuen iPhone angeben und vielleicht kann ich dann mit meinem Handy nicht so tolle Fotos schießen wie mit dem  neuesten iPhone oder Samsung Galaxy, aber wenn ich dadurch vllt. dazu beitragen kann, dass sich das Leben eines Menschen dadurch zum Positiven verändert, dann ist mir das das wert. Und vielleicht hat ja auch der eine oder andere von euch Lesern Lust, mit mir gleich zu ziehen und sein Konsumverhalten zu überdenken… 🙂 Der Domino-Day zeigt jedes Jahr aufs neue: Ein kleiner Dominostein – und sei er noch so klein – kann tausende von anderen Steinen – egal welcher Größe – zu Fall bringen. Ich will so ein Dominostein sein.

Jüngersein ist out? Es lebe das Jüngersein!

Ich habe zuletzt das Buch „Warum wir mündig glauben dürfen – Wege zu einem widerstandsfähigen Glaubensleben“ gelesen. In dem darin enthaltenen Artikel „Mythos „geistliches Wachstum“ – eine biblisch-theologische Betrachtung“ geht der Autor, Jörg Ahlbrecht auch auf den bekannten Text aus Matthäus 28,18-20 ein:

„Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Revidierte Luther Bibel 1984)

Was mir beim Lesen des Artikels wieder neu bewusst wurde, ist, dass es Jesus hier nicht darum geht, Menschen zu Christen zu machen, sondern zu seinen Jüngern.

Jünger war zu Jesu Zeiten ein anderer Begriff für Schüler. Das waren Menschen, die ihren Lehrer Tag und Nacht begleiteten und alles von ihm gelernt haben. Jesus forderte seine Jünger am Ende seines Dienstes dazu auf, andere Menschen ebenfalls zu Jüngern zu machen und ihnen das weiterzugeben, was er ihnen wiederum erzählt hatte. Laut dem Autor bezeichneten sich die ersten Christen selbst als Jüngerinnen und Jünger und nur von Außenstehenden wurden sie Christen genannt.

Heute ist der Begriff Jünger out. Stattdessen nennt man sich weitläufig „Christ“ und das am Besten auch noch gleich in die jeweilige Konfession eingestuft: „Ich bin Christ/Katholik/Lutherisch/Reformiert/Methodist/Baptist/Pfingstler/Adventist usw.“ Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der sich anderen vorstellt und sagt: „Ich bin ein Jünger von Jesus.“ Ich glaube, dann würde viele ganz verdutzt gucken, wenn sich jemand ihnen gegenüber so definiert.

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Foto: J. Müller / nachgedachtblog

Ich frage mich aber: Wie würde es in der christlichen Welt aussehen, wenn wir wieder zur Jüngerschaft zurückkehren würden? Wie würde es aussehen, wenn Jesus und seine Lehre im Mittelpunkt unserer Dogmatik (Lehre) stünden? Wenn das einzig und alleine das wäre, was wir anderen Menschen weitersagen würden, die mit Gott und Kirche nicht so viel am Hut haben?

Jörg Ahlbrecht macht in seinem Beitrag deutlich, dass Jüngerschaft keine einmalige Handlung, sondern ein „lebenslanger Prozess“ (S. 225) ist. Dies sei auch der eigentliche Kern des Jüngerseins und des Auftrages, den die Jünger Jesu erhielten. Der Autor führt dazu aus:

„Ziel des biblischen Auftrages ist es, dass Menschen befähigt werden zu tun, was Jesus gelehrt hat. Dabei ist der Ansatzpunkt aber nicht, das Verhalten des Menschen zu verändern, sondern es geht viel tiefer zur Sache. Wir sollen von innen, in unserem Sein verändert werden. Jesus möchte unseren Charakter, unsere Persönlichkeit verwandeln. Wir sollen nicht einfach Menschen werden, die gelernt haben, sich zu kontrollieren, damit sie nicht sündigen. Das ist viel zu wenig. Wir sollen Menschen werden, die in zunehmendem Maße so mit Christus verbunden sind, dass wir nicht mehr sündigen wollen.“ (Aus: „Mythos „geistliches Wachstum“ – eine biblisch-theologische Betrachtung“, Jörg Ahlbrecht. „Warum wir mündig glauben dürfen – Wege zu einem widerstandsfähigen Glaubensleben“, Hrsg.: Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias Künkel. Witten: SCM-Verlag, 2015, S. 230)

Ich habe ja so die Vermutung, dass es in den christlichen Kirchen und Gemeinden, aber auch in unserer Gesellschaft anders aussehen würde, wenn wieder die Jüngerschaft – so wie der Autor sie im oben genannten Zitat definiert – im Mittelpunkt der christlichen Lehre und des christlichen Lebens stehen würde.

Allein durch die Gnade

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Foto: K. Müller / nachgedachtblog

„Amazing Grace“ ist ein Lied, das um die Welt ging und seit seiner Entstehung unheimlich viele Menschen tief berührte. Dieses Lied ist mittlerweile zu einem meiner Lieblingslieder geworden. Es erzählt davon wie Gottes erstaunliche Gnade einen Menschen gerettet hat – einen Menschen, der diese Rettung aus menschlicher Sicht gar nicht verdient hätte. Übersetzt heißt der Titel „Erstaunliche Gnade“.

Erstaunliche Gnade – daran musste ich auch denken als ich in meiner Bibel las:

„Denn die Gnade Gottes, die allen Menschen Rettung bringt, ist sichtbar geworden. Sie bringt uns dazu, dem Leben ohne Gott und allen sündigen Leidenschaften den Rücken zu kehren. Jetzt, in dieser Welt sollen wir besonnen, gerecht und voller Hingabe an Gott leben. Denn wir warten auf das wunderbare Ereignis, wenn die Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Erlösers, Jesus Christus, erscheinen wird. Er gab sein Leben, um uns von aller Schuld zu befreien und zu reinigen und uns zu seinem eigenen Volk zu machen, das bemüht ist, Gutes zu tun.“
(Titus 2,11-14 Neues Leben)
Gottes Gnade möchte den Menschen nicht nur retten, sondern Gott möchte durch sie auch Menschen verändern. Wer schon einmal versucht hat, Verhaltensweisen aus eigener Kraft abzulegen, weiß, wie schwer das ist. Die gute Nachricht heute ist: Du musst das nicht aus eigener Kraft schaffen! Gott möchte Dich durch seine Gnade Stück für Stück verändern. Das finde ich befreiend und wohltuend. Dadurch kann ich morgens den Tag in Gottes Hände legen und darauf vertrauen, dass er die Veränderung in mir, durch mich und mit mir vollbringen wird.

Wo hast Du schon einmal Gottes Gnade erlebt? Wie hat sie Dein Leben verändert?

Gutes tun und Gottvertrauen

1. Ausflug Velebit
Foto: J. Müller / nachgedachtblog

Ich habe in den vergangenen Tagen einen Text in der Bibel gelesen, der auch heute noch sehr aktuell ist:

„Erinnere alle daran, sich der Regierung und ihren Vertretern unterzuordnen. Sie sollen gehorsam und zum Guten bereit sein, über niemanden lästern und jedem Streit aus dem Weg gehen. Allen Menschen sollen sie mit Freundlichkeit und Geduld begegnen!“ (Titus 3,1+2  Neues Leben)
Paulus fordert hier Titus auf, die Christen in seiner Gemeinde an die Unterordnung gegenüber der Regierung zu erinnern. Wenn Paulus hier also alle sagt, meint er damit die Christen. Angesichts der momentanen politischen Situation frage ich mich, was Paulus wohl uns Christen hier in Deutschland raten würde. Der Bundeskanzlerin durch die Petition danken oder ihren Rücktritt fordern? Flüchtlingen helfen oder bei Pegida mitlaufen?
Wenn ich auf Facebook so manche Beiträge mancher Christen sehe, dann hat das für mich nicht mehr viel mit dem obigen Text zu tun. Da wird teilweise munter gegen die Politiker und die Flüchtlinge gehetzt und wer nicht in diese Hetze einstimmt, sondern sich dagegen positioniert wird als Gutmensch tituliert. Umgekehrt sind manche „Gutmenschen“ aber auch genauso schnell dabei, alle, die ihre Ängste äußern, als „Pack“ oder Nazis zu bezeichnen.
Ich habe mir vorgenommen, mir an Paulus ein Beispiel zu nehmen und seinem Rat zu folgen. In Vers 8 fügt er noch hinzu:
„Alles, was ich dir gesagt habe, ist wahr. Ich möchte, dass du es mit Nachdruck lehrst, damit alle, die auf Gott vertrauen, immer darauf bedacht sind, Gutes zu tun. Das ist gut und sinnvoll für alle.“ (Titus 3,8 Neues Leben)
Gottvertrauen bedeutet, Ängste an Gott abzugeben oder anders ausgedrückt: Auch wenn alles düster scheint und die Zukunft ungewiss ist, dann dennoch darauf zu hoffen und zu vertrauen, dass Gott es schon richtig machen wird und dass am Ende alles gut wird. Wer seine Ängste und Sorgen Gott anvertraut, hat nun die Hände frei zum Gutes tun – sich bspw. für die Flüchtlinge zu engagieren oder anderen, die ihre Ängste laut äußern, zuzuhören und zu versuchen ihnen diese Ängste zu nehmen.
Ich für meinen Teil möchte jedenfalls Gott vertrauen und zum Guten – wie auch immer das im Detail ausschauen mag – bereit sein. Wie lautet so schön das Pfadfindermotto: Jeden Tag eine gute Tat! Welche gute Tat möchtest Du heute tun?

Die Angst und ich

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Foto: J. Müller / nachgedachtblog

Als ich noch ein Kind war, bin ich einmal einer Blindschleiche begegnet. Nur ein paar Meter von der Eingangstür des Freibades entfernt schlängelte sich dieses Tier über unseren Weg. Ich weiß noch wie ich dachte, dass es eine richtige Schlange sei und wie ich Angst davor hatte. Meine Eltern beruhigten mich und erklärten mir, dass es sich dabei ja nur um eine Blindschleiche und keine echte Schlange handeln würde. Dennoch hat mir das Tier im ersten Moment Angst eingejagt.

Angst ist an und für sich eine gute Eingebung. Sie bringt uns dazu, in gefährlichen Situationen wachsam zu sein und aufzupassen. Auf der anderen Seite kann aber gerade dieses innere Alarmsystem zu einer Gefahr werden, wenn es unser ganzes Leben bestimmt. Besonders krass wird das bei Phobien, die eng mit dem Alltag verknüpft sind – wenn man bspw. nicht mehr Fahrstuhl fahren kann, weil man Angst vor engen Räumen hat oder wenn man sich vor lauter Höhenangst noch nicht einmal mehr Rolltreppen runter traut oder wenn die Angst vor Menschen einen dazu bringt, 24 Stunden am Tag in der Wohnung zu bleiben und nie rauszugehen. Dann können Ängste – insbesondere wenn sie irrational sind – die Lebensqualität ganz schön einschränken und die Betroffenen leiden meist sehr darunter.

Die Frage ist daher: Wie gehe ich mit meinen Ängsten um? Da gibt es für mich zwei Möglichkeiten:

1. Ich könnte bspw. was meine Schlangenphobie angeht, alle möglichen Bücher zum Thema Gefährlichkeit von Schlangen lesen oder ich könnte im Internet nach Berichten von Menschen googlen, die schreckliche Erfahrungen mit diesen Tieren gemacht haben. Das würde meine Ängste und meine Abneigung verstärken. Gleichzeitig könnte ich auch noch Initiativen entwickeln, mit denen ich Zoos und Schlangenhalter bekämpfe.

2. Ich könnte aber auch nach Berichten von Schlangenliebhabern googlen, in denen sie die Schönheit ihrer Tiere beschreiben. Oder ich könnte eine Therapie machen, um meine Angst in den Griff zu kriegen und könnte dabei langsam an die Schlangen herangeführt werden, würde sie vielleicht sogar eines Tages berühren können. Oder ich könnte Gott vertrauen und ihn bitten, dass er mir meine Ängste nimmt.

Wie ich mit meinen Ängsten umgehe liegt in meiner Hand – ich kann sie verstärken, aber ich kann sie auch abbauen. Genauso ist das auch mit meinem Umgang mit der Flüchtlingssituation. Ja, die Ereignisse an Silvester in Köln, Stuttgart und anderen Städten haben mir Angst eingejagt – ebenso wie die Attentate in Paris. Aber wie gehe ich mit dieser Angst um? Ich könnte mich gegen alle Flüchtlingshelfer wehren und gegen alle sogenannten „Gutmenschen“. Ich könnte mich auf die Seite von AfD, Pegida und Co. stellen. Ich könnte gegen Flüchtlinge hetzen, mich weiter auf einschlägigen Seiten darüber erkundigen, wie gewalttätig Muslime sein können und damit meine Ängste schüren.

Ich kann mich aber auch anders verhalten. Ich kann im Internet nach Berichten über die Erlebnisse der Flüchtlingen googeln. Ich kann danach suchen, wie sie Deutschen in Not geholfen haben oder wie sie sich von den Taten in der Silvesternacht distanziert haben. Oder ich könnte auch direkt den Kontakt mit ihnen aufnehmen: Eine Erstaufnahmestelle aufsuchen und mit ihnen reden, Zeit verbringen, sie und ihre Kultur kennen lernen. Vielleicht bin ich dann überrascht, dass sie ganz anders sind als ich sie mir vorgestellt habe. Vielleicht finde ich sogar etwas, was mir an ihrer Kultur so gut gefällt, dass ich es für meinen Lebensstil übernehmen möchte.

Sicherlich besteht dann immer noch die Gefahr, dass sich meine Ängste nicht vertreiben lassen, sondern vielleicht sogar bestärkt werden. Es gibt nun mal solche und solche Menschen. Nicht jeder Flüchtling ist lieb und nett und will sich integrieren, genauso wie es eben auch Deutsche gibt, die nicht lieb und nett sind.

Aber letzten Endes ist es doch so: Wenn ich mich von der Angst regieren lasse, dann brauche ich mich auch nicht zu wundern, wenn sich meine Ängste in der Realität bestätigen und wenn sie sich durch entsprechende Nachrichten noch verstärken. Und – wenn ich mich von meiner Angst regieren lasse, dann brauche ich mich auch nicht zu wundern, wenn mir die schönen Momente entgehen und meine Lebensqualität darunter erst recht leidet. Nur wenn ich aktiv etwas gegen meine Angst unternehme, werde ich auch die schönen Seiten, die es auch gibt, sehen können und nur dann werde ich vielleicht auch feststellen können, dass die Schönen die Hässlichen überwiegen. Vielleicht werde ich dann erst entscheiden können, ob meine Angst in ihrem vollen Umfang tatsächlich berechtigt ist oder nicht.

Es liegt jedenfalls an mir – regiert meine Angst mich oder regiere ich meine Angst? Am Donnerstag möchte ich mit euch nachdenken, wie der Glaube an Gott und Gottvertrauen uns dabei helfen können, Ängste zu überwinden und wie beides uns fürs Gutestun frei macht.