Gott ist näher als Du Dir selbst

In den letzten Tagen und Wochen habe ich das Buch „Warum wir mündig glauben dürfen“ gelesen. Das Buch ist eine Aufsatzsammlung verschiedener Autoren. In einem dieser Aufsätze greift der Autor, Dr. Tobias Künkler, einen Gedanken von Luther auf, der mich wiederum zum Nachdenken gebracht hat.

Und zwar geht es dabei um eine Aussage aus 1. Korinther 6,19:

Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, der in euch lebt und euch von Gott geschenkt wurde? (Übersetzung Neues Leben)

Oft wird der Text wie folgt ausgelegt: Da es im unmittelbaren Zusammenhang des Textes um Prostitution geht, argumentiert Paulus hier, dass der Besuch eines christlichen Mannes im Bordell nicht mit dem Glauben vereinbar sei, da der Körper ein Tempel des Heiligen Geistes sei und somit heilig sei – d. h. einem Christen gehört der Körper nicht mehr selbst, sondern Gott. Daher sollen sich die Christen in Korinth ständig dran erinnern, dass sie ein moralisch einwandfreies Leben führen sollen, da sie nicht mehr sich selbst, sondern Gott gehören.

Eine andere Auslegungsmöglichkeit, die in meiner Gemeinde eher noch bekannt ist als die gerade genannte, ist die, dass wir einen gesunden Lebensstil pflegen sollten – also keine Drogen, kein Tabak oder Alkohol zu uns nehmen, stattdessen auf eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung, Sonne, frische Luft usw. achten sollten. Auch hier findet sich wieder der Gedanke, dass ein Christ nicht mehr sich selbst gehört, sondern Gott und dass man deshalb vom gesundheitlichen Aspekt her verantwortlich mit seinem Körper umgehen sollte.

029 Sabbatspaziergang Neuffen
Foto: J. Müller / nachgedachtblog

Luther scheint nun aber einen dritten Ansatz zu haben – und zwar einen wortwörtlichen. Zumindest weist er anscheinend in seinen Ausführungen auf die drei Abteilungen des Tempels hin und überträgt sie auf den Menschen: einmal den Vorhof, dann das sogenannte Heilige und dann das Allerheiligste. Der Vorhof (zumindest Teile davon) war öffentlich zugänglich. In das Heilige durften nur die Priester und das Allerheiligste war Gott vorbehalten.

Ähnlich sei es nun Luther und Dr. Künkler zufolge auch mit dem Menschen: der Vorhof gleiche dem öffentlichen Auftreten eines Menschen – also dem was er anderen gegenüber von sich preisgebe. Das Innere – also die Psyche, die Gefühle und auch die Gedanken – ist dem Menschen bekannt. Und dann gebe es noch das Allerheiligste – also der letzte Winkel der menschlichen Seele zu dem der Mensch keinen Zugang habe und wo Gott im Verborgenen wirke. Nur dass wir davon nichts mitbekämen. Dr. Künkler schreibt dazu:

„Wie Gott im Allerheiligsten als Geist in der Finsternis wohnt, wohnt und wirkt der Heilige Geist in diesem Finsteren des menschlichen Geistes. So ist Gott immer bei uns und begleitet uns, auch wenn wir ihn nicht immer oder sogar meist nicht direkt wahrnehmen. Dass Gott uns meist nicht direkt zugänglich ist und uns manchmal fern erscheint, liegt nicht daran, dass er wirklich weit weg ist, sondern daran dass er uns näher ist, als wir uns selbst sind. Auch in uns geht Gottes Anwesenheit somit Hand in Hand mit seiner Abwesenheit.“ (Aus: „Glaube als Beziehungsgeschehen“, Dr. Tobias Künkler, S. 247, in:  „Warum wir mündig glauben dürfen – Wege zu einem widerstandsfähigen Glaubensleben“, Hrsg.: Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias Künkler, Witten: SCM-Verlag, 2015)

Mich fasziniert dieser Gedanke. Egal ob ich Gottes Nähe spüre oder nicht – er ist mir ganz nah. Das macht es mir zumindest leichter, manche scheinbare Abwesenheit Gottes besser einzuordnen und anzunehmen.

Und dieser Gedanke macht mich nachdenklich: Was bedeutet es dann für mein Leben, dass Gott wirklich in alle Ecken meines Herzens blicken kann – dass er mich besser kennt als ich mich selbst? Wie trägt dieser Gedanke zu meiner Beziehung mit Gott bei?

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