Jüngersein ist out? Es lebe das Jüngersein!

Ich habe zuletzt das Buch „Warum wir mündig glauben dürfen – Wege zu einem widerstandsfähigen Glaubensleben“ gelesen. In dem darin enthaltenen Artikel „Mythos „geistliches Wachstum“ – eine biblisch-theologische Betrachtung“ geht der Autor, Jörg Ahlbrecht auch auf den bekannten Text aus Matthäus 28,18-20 ein:

„Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Revidierte Luther Bibel 1984)

Was mir beim Lesen des Artikels wieder neu bewusst wurde, ist, dass es Jesus hier nicht darum geht, Menschen zu Christen zu machen, sondern zu seinen Jüngern.

Jünger war zu Jesu Zeiten ein anderer Begriff für Schüler. Das waren Menschen, die ihren Lehrer Tag und Nacht begleiteten und alles von ihm gelernt haben. Jesus forderte seine Jünger am Ende seines Dienstes dazu auf, andere Menschen ebenfalls zu Jüngern zu machen und ihnen das weiterzugeben, was er ihnen wiederum erzählt hatte. Laut dem Autor bezeichneten sich die ersten Christen selbst als Jüngerinnen und Jünger und nur von Außenstehenden wurden sie Christen genannt.

Heute ist der Begriff Jünger out. Stattdessen nennt man sich weitläufig „Christ“ und das am Besten auch noch gleich in die jeweilige Konfession eingestuft: „Ich bin Christ/Katholik/Lutherisch/Reformiert/Methodist/Baptist/Pfingstler/Adventist usw.“ Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der sich anderen vorstellt und sagt: „Ich bin ein Jünger von Jesus.“ Ich glaube, dann würde viele ganz verdutzt gucken, wenn sich jemand ihnen gegenüber so definiert.

Insel Pag - Povljana
Foto: J. Müller / nachgedachtblog

Ich frage mich aber: Wie würde es in der christlichen Welt aussehen, wenn wir wieder zur Jüngerschaft zurückkehren würden? Wie würde es aussehen, wenn Jesus und seine Lehre im Mittelpunkt unserer Dogmatik (Lehre) stünden? Wenn das einzig und alleine das wäre, was wir anderen Menschen weitersagen würden, die mit Gott und Kirche nicht so viel am Hut haben?

Jörg Ahlbrecht macht in seinem Beitrag deutlich, dass Jüngerschaft keine einmalige Handlung, sondern ein „lebenslanger Prozess“ (S. 225) ist. Dies sei auch der eigentliche Kern des Jüngerseins und des Auftrages, den die Jünger Jesu erhielten. Der Autor führt dazu aus:

„Ziel des biblischen Auftrages ist es, dass Menschen befähigt werden zu tun, was Jesus gelehrt hat. Dabei ist der Ansatzpunkt aber nicht, das Verhalten des Menschen zu verändern, sondern es geht viel tiefer zur Sache. Wir sollen von innen, in unserem Sein verändert werden. Jesus möchte unseren Charakter, unsere Persönlichkeit verwandeln. Wir sollen nicht einfach Menschen werden, die gelernt haben, sich zu kontrollieren, damit sie nicht sündigen. Das ist viel zu wenig. Wir sollen Menschen werden, die in zunehmendem Maße so mit Christus verbunden sind, dass wir nicht mehr sündigen wollen.“ (Aus: „Mythos „geistliches Wachstum“ – eine biblisch-theologische Betrachtung“, Jörg Ahlbrecht. „Warum wir mündig glauben dürfen – Wege zu einem widerstandsfähigen Glaubensleben“, Hrsg.: Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias Künkel. Witten: SCM-Verlag, 2015, S. 230)

Ich habe ja so die Vermutung, dass es in den christlichen Kirchen und Gemeinden, aber auch in unserer Gesellschaft anders aussehen würde, wenn wieder die Jüngerschaft – so wie der Autor sie im oben genannten Zitat definiert – im Mittelpunkt der christlichen Lehre und des christlichen Lebens stehen würde.

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4 Gedanken zu “Jüngersein ist out? Es lebe das Jüngersein!

  1. Also ich kenne zumindest Andreas Schäfer von der Lahoe, der in seinen Predigten öfters statt Christen von den „Jesus Leuten“ redet.

    In meiner früheren Gemeinde gab es mal ein Jüngerschaftsschule, eine Seminarreihe darüber, was es bedeutet Jünger zu sein.

    Ich denke dein Ansatz weg von Christ hin zu Jünger ist genau richtig. Als Christ bezeichnen sich denn. Weil an Gott oder irgendwas Höheres glauben tun ja auch viele. Als Christ kann es genügen an Weihnachten Oh Tannenbaum zu singen. Als Jünger muss ich mir unweigerlich Gedanken über Jesus-Nachfolge machen.

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar. 🙂 Schön, dass es Prediger gibt, die einen anderen Begriff als nur Christen verwenden. Ich finde es sehr wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, was Jüngerschaft bedeutet und finde es gut, dass es sowas wie Jüngerschaft gibt.

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