Gott erleben: Der kraftvolle Jesus

Ausflug Krka-Wasserfälle Kroatien
Foto: J. Müller / nachgedachtblog

Welches Bild habt ihr von Jesus? Gut, ich gebe zu, dass meine Vorstellung von ihm – zumindest was das Äußerliche angeht – stark von Bildern aus dem Kindergottesdienst oder irgendwelchen Jesus-Filmen geprägt ist: weißes Gewand, lange Haare und Vollbart. Und so vom Charakter her, habe ich auch schon gewisse Vorstellungen wie er zu sein hat: liebevoll, geduldig, vergebungsbereit, überaus freundlich (aber ehrlich, nicht schleimerisch) usw. Neulich habe ich aber im Markusevangelium etwas über ihn gelesen, das mich überrascht hat.

Es war eine Geschichte, die ich schon oft gehört hatte, mit der ich aber sonst nicht so viel anfangen konnte: Jesus hatte sich auf einen Esel gesetzt und war von einer jubelnden Menschenmenge begleitet in Jerusalem eingezogen. Dort angekommen, ging er in den Tempel. Das war nichts Außergewöhnliches, sondern was ganz Normales. Aber was dann kam, hat mich doch etwas erstaunt:

„Als er sich alles genau angesehen hatte, kehrte er, da es schon spät geworden war, mit den zwölf Jüngern nach Betanien zurück.“ (Markus 11,11b Neues Leben)

Wäre Jesus zum allerersten Mal im Tempel gewesen, dann hätte ich ja noch verstanden, dass er sich alles genau ansieht. Er war aber zu dem Zeitpunkt schon unzählige Male dort gewesen. Ein gläubiger Jude ging mehrmals im Jahr nach Jerusalem an den Festtagen, um dort im Tempel zu opfern. Jesus war mit 12 Jahren das erste Mal im Tempel gewesen, mittlerweile war er ungefähr 33 Jahre alt. D. h. er war schon unzählige Male dort gewesen. Daher habe ich hier gestutzt und mich gefragt: Warum schaut er sich jetzt alles so genau an?

Jesus führt etwas im Schilde

Nur wenige Verse später wird klar, warum er das tat. Nur einen Tag später kommt er mit seinen Jüngern wieder zum Tempel zurück und räumt dort erstmal auf:

„Als sie wieder nach Jerusalem kamen, ging Jesus in den Tempel und fing an, die Händler und die Leute, die bei ihnen kauften, hinauszutreiben. Er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer um und ließ nicht zu, dass weitere Waren durch den Tempelhof getragen wurden. Er fuhr sie an: »In der Schrift heißt es: `Mein Haus soll ein Ort des Gebets für alle Völker sein´, aber ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.«“ (Markus 11,15-17 Neues Leben)
Ich hatte dieses Rausschmeißen der Händler als eine spontane Aktion von Jesus gesehen – so im Überschwang der Gefühle oder so. Dass er das aber genauestens geplant hatte, war mir irgendwie neu. Einerseits passt das für mich nicht mit meinem Bild des pazifistischen Jesus zusammen, auf der anderen Seite faszinieren mich seine Kraft, sein autoritäres Auftreten und seine wilde Entschlossenheit. Er ist kein Weichei, er ist nicht nur sanft und lieb, sondern auch leidenschaftlich und handelt zielgerichtet.
Der Theologe John Eldredge schreibt dazu:
Jesu Handlungen wie die Tempelreinigung „… ergeben einen Sinn, wenn man versteht, dass wir hier einen Mann vor uns haben, der einen bestimmten Auftrag hat. Derselbe Mann, der sich so neckisch und schalkhaft geben kann, brennt auch regelrecht für seinen Auftrag. Wer Jesus kennenlernen will, muss wissen, dass diese wilde Entschlossenheit Teil seines Wesens ist.“ (John Eldredge, Der ungezähmte Messias, Kapitel 4, eBook S. 44. Asslar: Gerth Medien, 2013)
Als Jesus hier auf der Erde lebte, da hatte er eine Mission. Sein Auftrag war es, die Menschen mit Gott zu versöhnen und ihnen zu zeigen, wie er wirklich ist. Der Tempel war der Ort, wo die Menschen hinkamen, um Gott anzubeten und dort wurden nun die Geschäfte betrieben. Wer dort ein Opfertier kaufen wollte, musste erst sein Geld wechseln – im Tempel konnte man nur in der Tempelwährung bezahlen – und kaufte sich dann für teures Geld sein Tier.
Dadurch war der Tempel keine Anbetungsstätte mehr, sondern eine Markthalle und ein Ort, an dem Menschen das Geld aus der Tasche gezogen wurde. Das war nicht im Sinne Gottes und dagegen ging Jesus mit seiner Tempelreinigungsaktion vor. Dadurch führte er den Tempel wieder zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurück: einem der Ort der Begegnung mit Gott und der Sündenvergebung.
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8 Gedanken zu “Gott erleben: Der kraftvolle Jesus

  1. Ich finde die meisten Bilder von Jesus irgendwie ziemlich schrecklich.
    Insbesondere das mit den offenen Armen oder noch schlimmer mit Heiligenschein.
    Die sind so religiös übermalt, das könnte genauso in einem Tempel einer anderen Religion stehen. Jesus Menschlichkeit kommt dabei gar nicht heraus. Das hat so gar nichts von Jesus Wesen. Und gleichzeitig ist es so unverschämt westlich dargestellt, dass es schon fast satirisch anmutet.

    Ich stelle mir Jesus ganz anders vor. Eher wie einen ehemaligen Mitbewohner von mir, ein Christ aus Pakistan. Dunklere Haut, aber nicht ganz dunkel, Bart, kleiner als der Durchschnitts-Europäer, raue Hände von seiner bisherigen Arbeit als Handwerker.

    Wenn man Jesaja 53 wörtlich nähme war der Gottesknecht Jesus im übrigen kein schöner Mensch. (Er hatte keine Gestalt und keine Pracht. Und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir Gefallen an ihm gefunden hätten). Wobei es i.d.R. metaphorisch als Anspielung auf seine Verworfenheit gedeutet wird, um die es danach ja geht.

    Jesus Tobsuchtsanfall im Tempel ist wirklich eines der erstaunlichsten Teile der Evangelien. Und eine der trinitarischsten. Man kann förmlich Gottes Zorn nachempfinden als Jesus in seinen Tempel einkehrt und einen religiösen Marktplatz vorfindet. Und ja ich finde auch, dass dies kein spontaner Ausbruch gewesen sein kann. Jesus wusste schon vorher, was dort gespielt wurde. Er wurde davon nicht überrascht. Und außerdem gehen viele Ausleger davon aus, dass dies das ausschlaggebende Ereignis war, das zu Jesu Verhaftung führte. Jesus leitet hier den ersten Schritt zur Kreuzigung ein.

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    1. Ja, da hast Du Recht. Die meisten Bilder finde ich ebenfalls ziemlich schrecklich und oft kitschig.

      Danke für Deinen Gedanken, dass Jesus damit den ersten Schritt zur Kreuzigung einleitete. Du hast Recht – danach wollte die geistliche Oberschicht Jesus erst recht töten. Daran sieht man, wie zielgerichtet Jesus lebte und handelte.

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  2. Gut beobachtet. Dass Jesus erst am nächsten Tag den Tempel „reinigt“, erweckt bei mir auch den Eindruck, dass dies eine überlegte, entschlossene Handlung war. Das mit dem Feigenbaum hat ja bestimmt auch damit zu tun.

    Markus erinnert mich in seinem knappen und konzentrierten Stil an die Erzählungen im AT.

    Zu einem „neckischen“ oder „schalkhaften“ Jesus (Eldredge) fällt mir allerdings auf Anhieb gar nichts ein.

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    1. Wenn man die Begebenheit im Johannesevangelium dazu liest, dann findet man dort, dass Jesus sogar erst noch die Peitschenschnüre geflochten hat, um dann damit die Tiere aus dem Tempel zu vertreiben.

      Beim Feigenbaum ist es im Markusevangelium interessant, dass diese Geschichte den Teil im Tempel umschließt (wenn man mal das Anschauen des Tempels beiseite lässt). Das ist von der Struktur her sehr interessant.

      Zu dem neckischen Jesus musst Du wohl mal das Buch von Eldredge lesen – „Der ungezähmte Messias“. Da geht er am Anfang stark darauf ein. So sieht er bspw. Johannes 21,1-12 eher unter einem humoristischen Aspekt: „Achten Sie einmal darauf, wie beiläufig Jesus in Erscheinung tritt. Nicht einmal seine besten Freunde erkennen ihn. Immerhin ist er der auferstandene Herr. Herrscher über Himmel und Erde. Denken Sie nur an die Verklärung. Jesus hätte in seiner ganzen strahlenden Herrlichkeit am Strand erscheinen können. Er weiß, dass seinen Freunden nichts auf der Welt mehr helfen würde, als ihn noch einmal zu sehen. Ganz sicher hätte er ihnen gebieterisch zurufen können: „Ich bin es der Herr! Kommet alle her zu mir!“ Doch das tut er nicht, ganz im Gegenteil. Er „versteckt“ sich noch ein wenig länger und treibt das Spiel weiter. Dort drüben steht er einfach am Ufer, die Hände in den Hosentaschen wie ein Tourist, und stellt die Frage, die man immer stellt, wenn man einen Angler sieht: „Und – irgendwas gefangen?“ … Und hier stehen die Jünger nun, drei Jahre später. Wieder haben sie die ganze Nacht durchgearbeitet. Wieder sind sie völlig fertig. Und Jesus tut noch einmal das Gleiche. „Werft das Netz auf der anderen Seite aus!“ Und wieder bersten die Netze. So gibt er sich ihnen zu erkennen. Es hat etwas von einem Insiderwitz unter guten Freunden an sich, wo nur einer die ersten Worte zum Besten geben muss und alle in das Gelächter einstimmen.“Werft das Netz auf der anderen Seite aus!“ Voll ins Schwarze getroffen, wie damals in der guten alten Zeit. Mehr muss Jesus nicht sagen – schon ist Petrus im Wasser und schwimmt ans Ufer. Sehen Sie, welchen Scherz sich Jesus hier erlaubt?“ (Der ungezähmte Messias, John Eldredge, eBook)

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  3. Guter beitrag, hatte am Freitag gerade ne disskusion über genau dieses Thema. Wollte auch noch nen Blog darüber schreiben, aber hier wurde schon alles gesagt. Jesus ist kein unüberlegter in Zorneswut ausbrechender verrückter. Sondern seine Handlung ist wohl überlegt und durchdacht, schlussendlich ist auch diese handeln im Tempel von Liebe durchströmt auch wen es auf den ersten blick nicht so scheint. Gott ist kein Gott der zerstörung und des Chaos sondern Gott ist ein Gnädiger, gerechter und wohl überlegender gott. Jesus war ganz gewiss kein weichei wie wir Ihn gerne darstellen, dies sehen wir nur schon an seinem leidensweg, wer von uns ach so harten würde so etwas aushalten und trotzdem lieben.

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar! 🙂 Wenn Du möchtest, darfst Du den Artikel gerne mit einem Verweis auf mich rebloggen oder ihn bei Dir verlinken. In Johannes 2 wird beschrieben, wie Jesus die Tiere aus dem Tempel raustrieb, die Münzen der Geldwechsler auf den Boden warf und deren Tische umstieß. Nur bei den Taubenhändler sagt er: „Schafft das alles fort.“ Hätte er die Käfige mit den Tauben auch einfach umgeworfen, hätten die Tiere sich verletzen können. Das zeigt für mich sich sehr deutlich, dass es keine Tat im Affekt war und dass Jesus hier gerade auch mit den Tieren sehr behutsam vorgegangen ist. Das zeigt mir seine Liebe – selbst zu den Tieren.

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