Wer ist der Chef in meinem Leben?

Insel Pag
Foto: J. Müller / nachgedachtblog

Vor einiger Zeit besuchte ich mit einer Freundin eine christliche Buchhandlung. Wir hielten uns mehrere Stunden darin auf und nahmen uns die Zeit zum intensiven Stöbern. Hinterher kamen wir auf die hohen Buchpreise zu sprechen, die in der christlichen Buchbranche doch deutlich höher als bei anderen Verlagen sind. Auf ihre Frage, warum das so sei, antwortete ich, dass das sicherlich damit zusammenhänge, dass Deutschland kein christliches Land mehr sei und dadurch die Nachfrage auch nicht so hoch sei. Sie guckte mich ganz verdutzt an und meinte nur: „Wie – Deutschland ist kein christliches Land?“

Ja, es stimmt – wir sind christlich sozialisiert, aber fragt man die Leute auf der Straße, weshalb wir Weihnachten oder Ostern feiern, dann kommen die merkwürdigsten Antworten zusammen. Als sehr plakativ empfand ich ein Video, das ich auf Youtube fand. Darin wurde alle möglichen Leute gefragt, was wir denn an Ostern feiern würden. Keiner wusste die richtige Antwort – außer einem Moslem. Und wenn ich mich selbst so mit den Leuten unterhalte, dann bedeutet für viele Christsein, sofern sie noch Mitglied in einer Kirche sind, dass man an Weihnachten in die Kirche geht, weil es sich so gehört, aber dass sonst der Glaube im Alltag keine große Rolle spielt. Spätestens nach der Hochzeit treten viele aus den Kirchen aus.

Daher behaupte ich mal, dass wir in Deutschland christlich sozialisiert sind. Viele der christlichen Werte sind in unserem Grundgesetz verankert. Aber das war es auch schon. Mit Glaube und Gott wollen viele nichts mehr zu tun haben. Daher ist für mich die Frage schon berechtigt: Sind wir noch ein christliches Land? Was bedeutet es denn wirklich Christ zu sein?

In erster Linie ist Christsein eine Beziehung mit Gott. Der Mensch lernt Gott kennen und irgendwann kommt es dann zu einer Freundschaft mit ihm. Diese Freundschaft wird immer tiefer bis man auch öffentlich bekennt, dass man sein Leben mit Gott gemeinsam gehen will – das nennt man dann Taufe. Sobald man aber die Freundschaft mit Gott beginnt, verändert sich Stück für Stück das ganze Leben. Dinge, die einem vorher furchtbar wichtig waren, werden nun unwichtig. Die Werte verschieben sich. Paulus sagt dazu Folgendes:

„Das bedeutet aber, wer mit Christus lebt, wird ein neuer Mensch. Er ist nicht mehr derselbe, denn sein altes Leben ist vorbei. Ein neues Leben hat begonnen!“
(2. Korinther 5,17 Neues Leben)

Wenn man in einer Beziehung mit Gott lebt, verändert man sich also automatisch. Das geschieht nicht aus eigener Kraft, sondern allein durch Gott. In Beziehung mit Gott zu leben, bedeutet daher auch, ihn zum Chef meines Lebens zu machen. Bis dahin hab ich für mich entschieden, was ich machen möchte, was mir gut tut usw. Sobald ich aber mein Leben in einer Beziehung mit Gott führe, wird er zum Chef. Er bestimmt die Richtung meines Lebens. Es kommt zu einem Herrschaftswechsel und damit zu einem Veränderungsprozess.

Ich habe vor einigen Jahren von einem Mann gelesen, der sich richtig stark verändert hat – so stark, dass er von einem Sklavenhändler zum Sklavenbefreier wurde und dafür sorgte, dass die Sklaverei abgeschafft wurde.

Er wurde 1725 in England geboren. Sein Vater war Kapitän und somit oft unterwegs. Seine Mutter war sehr gläubig, allerdings starb sie sehr früh als er erst sechs Jahre alt war. Zu seinem Vater baute er keine rechte Beziehung auf – er blieb ihm fremd. Die Stiefmutter steckte den kleinen Jungen ins Internat. Schon recht früh wurde er zu einem traumatisierten Kind.

Als Teenager sollte er zur Berufsausbildung nach  Jamaika, doch er schmiss alles hin, weil er kurz vor der Einschiffung seiner Cousine Polly begegnet war und sich unsterblich in sie verliebte. Kurz darauf wurde er von Soldaten der Royal Navy zwangsrekrutiert. Die Zeit bei der Royal Navy ist hart: Wenn er nicht gerade andere schikaniert und gemobbt wurde, wurde er fertig gemacht. Eines Tages floh er von Bord und wollte zu Polly fliehen. Doch er wurde geschnappt. Auf Desertation stand die Todesstrafe, doch er wurde „nur“ ausgepeitscht. Das nannte er später seine erste „erstaunliche Gnade“.

Er benahm sich an Bord ziemlich daneben. Seine Flüche waren so wüst, dass selbst die rauhen Seemannsleute darüber schockiert waren. Dem Kapitän reichte es dann irgendwann und auf Madeira tauschte er ihn gegen zwei Handelsmatrosen aus. Er war unehrenhaft aus der Royal Navy entlassen – aber er war frei! Seine „zweite Gnade“ nannte er das.

Doch er kam vom Regen in die Traufe. Er reiste weiter nach Sierra Leone und wurde dort zum Sklaven von einem Kaufmann. Er wurde übel misshandelt und verrohte und verwilderte schließlich dort. Doch schließlich kommt er von dort frei und wurde dann selbst zum Sklavenhändler. Unter dem Vorwand eines reichen Erbes wurde John schließlich auf das Schiff „Greyhound“ gelockt und kam in einen gewaltigen Sturm. John flehte Gott um Hilfe an und überlebt – die „dritte erstaunliche Gnade Gottes“.

In England angekommen erfuhr er beim Notar, dass das Erbe nicht existierte und wurde somit zu einem mittellosen Mann. Er brach zusammen und löste die Verlobung mit Polly. Doch Polly bestand auf der Beziehung und heiratete ihn trotzdem. Er dankt Gott dafür und nennt das seine vierte erstaunliche Gnade.

Um den Schwiegereltern zu beweisen, dass er tüchtig ist und seine Familie ernähren kann, wurde er wieder zum Sklavenhändler –damals ein lukrativer Job. Aus heutiger Sich eigentlich unfassbar: Wie kann ein Mensch, der von Gott gnädig gerettet wurde, in sein menschenverachtendes Handwerk zurückkehren?! Er tat es jedenfalls. Aber Gott hatte ihn verändert. Er empfand nur noch Verachtung über diese Arbeit und so legte er sie ziemlich bald nieder und wurde Hafenmeister. In dieser Zeit kam er mit der Erweckungsbewegung und dem Prediger George Whitefield in Kontakt. Er empfand echte Reue und in ihm entwickelten sich Unrechtsbewusstsein, Empathie und Sensibilität. Er wollte Pastor werden, aber die Kirche wollte ihn nicht. Erst sieben Jahre später wurde er angestellt. In seiner ersten Anstellung kümmerte er sich zusammen mit Polly liebevoll um einen jungen Musiker. Er schrieb mit ihm zusammen Lieder und ließ ihn bei sich wohnen, da der Musiker seelisch labil war. Den Dorfbewohnern gefiel das überhaupt nicht. Der Tratsch nahm überhand und sie schlugen sogar seine Fenster ein.

In der Silvesternacht 1772/73 unternahm der junge Musiker einen Selbstmordversuch, wurde aber rechtzeitig gerettet. Statt einer Neujahrspredigt las der Pastor der Gemeinde ein Gedicht vor, das er in dieser Nacht geschrieben hatte: Amazing Grace how sweet the sound that saved a wretch like me.“ Noch heute ist es eines der berühmtesten Gospelsongs auf der Welt. Der Name des Dichters ist John Newton.

Einige Zeit später suchte ein junger Adeliger John Newtons Rat. Er wollte Pfarrer werden, hatte aber eine große politische Karriere vor sich. John Newton ermutigte ihn, Politiker zu bleiben und sich für die Abschaffung der Sklaverei einzusetzen. Der ehemalige Sklavenhändler wollte nichts mehr mit der Sklaverei zu tun haben – er wollte dafür sorgen, dass die Sklaverei endlich abgeschafft wird. 20 Jahre lang kämpften sie gegen die Sklaverei. Am 24. Februar 1807 hatten sie Erfolg  – und die Sklaverei wurde im britischen Weltreich verboten.

Dieser Erfolg fing damit an, dass John Newton eine Freundschaft mit Gott begann und sich von ihm Stück für Stück verändern ließ – vom fluchenden Matrosen zum dichtenden Pfarrer, vom Sklavenhändler zum Sklavenbefreier. Das möchte Gott auch mit jedem von uns tun – ich muss ihn dafür nur ans Steuer meines Lebens machen und ihn zum Chef erklären…

 

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