Warum?!

Ich möchte euch heute in einen Psalm mit hineinnehmen, der zu einem meiner Lieblingspsalmen geworden ist. Er stammt von Asaph. Asaph war zur Zeit Davids der Chorleiter schlechthin – vielleicht vergleichbar mit Paul Gerhardt. Man kannte ihn – er war in ganz Israel bekannt. Er war eine Berühmtheit für die Menschen seiner Zeit. In 2. Chronik 29 wird er sogar als „Seher“ bezeichnet. Asaf war also eine geistliche Führungspersönlichkeit in dieser Zeit.

Sein Psalm beginnt mit den Worten: „Gott ist dennoch Israels Trost für alle, die reinen Herzens sind.“ (Psalm 73,1) Das klingt doch wunderbar, oder? Das ist ein Satz, den schon viele für sich erlebt haben. Gott ist da und er tröstet. Was ist aber, wenn ein Schicksalsschlag auf den nächsten folgt und ein tiefes Tal auf das Nächste? Was, wenn man über eine längere Zeit hinweg nur noch vom Regen in die Traufe gerät?

Ich bin froh, dass es in der Bibel nicht nur die Halleluja-Wohlfühlpsalmen gibt, sondern auch die Klagepsalmen. Psalmen, in denen die Schreiber ihr ganzes Leid rausschreien und wo man ihre gesamte Verzweiflung zu spüren bekommt. Der Psalm 73 ist einer davon. Er beginnt damit, dass Gott gut ist. Aber dann schaut sich Asaph um und was er da so sieht, gefällt ihm gar nicht.

Asaph wuchs in einem Schwarz-Weiß-Denken auf. Wer Gott folgt, dem geht es gut – der ist gesegnet. Wer böses tut, wird bestraft. Und jetzt schaut er sich die Gottlosen an und muss feststellen, dass es ihnen so richtig gut geht. Ihnen, die so richtig böse sind, geht es so richtig gut.

Und Asaph baut in diesem Psalm diesen Kontrast deutlich auf: Auf der einen Seite sind die Gottlosen, denen es gut geht. Und auf der anderen Seite ist er, der wirklich versucht, Gott treu zu sein und ihm geht es so richtig schlecht. Das passt nicht zusammen. Eigentlich müsste es nach dem Segen-Fluch-Prinzip doch gerade andersherum sein.

Wie Hiob findet er keine Erklärung für sein Leid. Was nicht sein dürfte, ist geschehen. Ihm – dem Treuen – geht es schlecht. Er leidet und er versteht die Welt nicht mehr. Ich bin froh, dass es einen Psalm wie diesen hier gibt. Ja, es gibt Situationen, wo Gott ganz weit weg zu sein scheint und wo wir ihn nicht mehr zu verstehen scheinen. Wie gut ist es da, wenn man einen Ort hat, wo man ehrlich über seine Gefühle sprechen kann und wo auch diese Verzweiflung ausgehalten wird.

Asaph hat für sich so einen Ort gefunden. Er behält seine Fragen und Zweifel nicht für sich – er bringt sie ins Heiligtum. Das Heiligtum war ein Synonym für die Gegenwart Gottes. Wo das Heiligtum war, war auch Gott gegenwärtig. Asaph bringt sie ins Heiligtum – er bringt seine Zweifel und Fragen zu Gott. Er klagt ihm sein Leid. Er bleibt damit nicht allein. Und diese Begegnung mit Gott bewirkt in ihm einen Perspektivwechsel. Auf einmal sieht er die Dinge aus einem anderen Blickwinkel – nämlich vom Ende her.

Und da schaut es für die Gottlosen düster aus. Auch wenn es ihnen hier auf der Erde vermeintlich gut zu gehen scheint – abgerechnet wird erst am Ende. Und irgendwann kommt der Zahltag, wo auch die Bösen Rechenschaft über ihr Tun ablegen müssen. Diese Erkenntnis lässt Asaph demütig werden. Er erkennt, wie wenig er eigentlich weiß.

Aber er bleibt bei dieser Erkenntnis nicht stehen. Er trifft für sich eine Entscheidung:

„Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. Denn siehe, die von dir weichen, werden umkommen; du bringst um alle, die dir die Treue brechen. Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte / und meine Zuversicht setze auf Gott den HERRN, dass ich verkündige all dein Tun.“

Asaph will sich an Gott festhalten. Er will seine Hand nicht loslassen. Er will sich weiterhin von Gott führen und leiten lassen. Er weiß: Gott hält mich! So wie ein Vater sein Kind an der Hand hält und es begleitet, so begleitet Gott auch ihn und uns. Und deshalb möchte Asaph nur Gott allein zu seinem Trost und Halt machen.

Wenn Menschen in Nöte und Krisen geraten, suchen sie nach Antworten. Und je krasser die Krise ist, umso weniger geben sie sich mit vermeintlich leichten Antworten zufrieden. Da werden Schuldige und Verantwortliche gesucht. Im Mittelalter wurden die Juden fälschlicherweise verdächtigt, die Brunnen vergiftet zu haben. Durch die vergifteten Brunnen sollte sich angeblich die Pest verbreiten. Heute sind die vermeintlich Schuldigen Bill Gates, die WHO und die Politiker. Auch heute florieren alle möglichen Verschwörungstheorien. Die Erklärungen sind meist Schwarz-Weiß. Es gibt eine klare Gruppe von Schuldigen und komplizierte und komplexe Zusammenhänge werden dadurch sehr vereinfacht. Dadurch finden die Leute Halt. Das, was sie zuvor noch verunsichert hat, gibt es durch diese Erklärungen nicht mehr.

Asaph hört auf, nach Erklärungen zu suchen. Er hört auf damit, hinter den Vorhang schauen zu wollen. Er entscheidet sich vielmehr alles auf eine Karte zu setzen – auf seine Beziehung mit Gott: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich NICHTS nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ Nur noch bei Gott will er seinen Trost suchen – nicht mehr im Vergleich mit Anderen, nicht mehr in der Suche nach Erklärungen. Er will das Unerklärbare stehen lassen und allein auf Gott vertrauen.

Wo suchst Du Halt in Krisenzeiten? In den Erklärungen, warum und wieso es zu dieser Krise kam? Suchst Du Halt und Ablenkung in der Arbeit, die Du hast oder im Medienkonsum oder im Essen oder oder oder? Wir Menschen haben verschiedene Strategien, um mit den Ängsten klarzukommen, die in den Krisen hervorbrechen. Der 73. Psalm macht uns bewusst, dass uns das aber nicht weiterhilft. Die einzige Möglichkeit, um Krisen zu überwinden, ist die Beziehung mit Gott. Für Asaph änderte sich alles, als er in den Tempel ging – in die Gegenwart Gottes. Diese Begegnung mit Gott machte es ihm möglich, die Situation mit neuen Augen zu sehen und unerwartete Antworten zu finden. Aber nicht diese Antworten gaben ihm den Halt, sondern seine Begegnung mit Gott.

Und diese Begegnung machte es ihm möglich, sich am Ende sogar wieder zu freuen. „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte.“ Seine äußere Situation hat sich nicht geändert. Das Leid ist immer noch da. Aber er konzentriert sich nicht mehr darauf. Indem er in das Heiligtum – in die Gegenwart Gottes geht – findet er Trost, Halt und kann sich am Ende sogar wieder freuen trotz der Umstände.

Der Psalm 73 macht Mut, gerade in den schwierigen Zeiten Gott zu suchen und die Beziehung mit ihm einzugehen. Auch wenn es keine Antworten auf alle offenen Fragen zu geben scheint – letzten Endes ist die Beziehung mit Gott alles was zählt.

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